DDR Zeitzeuge berichtet, wie er als ‚Politischer Häftling‘ für 44.000 DM von der BRD „freigekauft“ wurde!

Am Mittwoch, den 01.06 besuchte der Zeitzeuge Herr Herfurth das Goethe-Gymnasium. Dabei berichtete er von seinen persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, die er in vergangenen Zeiten in der DDR gemacht hatte.
Zunächst machte uns Herr Herfurth deutlich, wie bereits kleine Ereignisse gravierende Bedeutung für ein Leben haben können, wie z.B. Zeit und Ort, an dem man geboren wird, denn Zeit und Raum sind objektiv existierende Zustände. Herr Herfurth wurde nur deshalb 1957 in der DDR geboren, da seine Großmutter als Vertriebene genau in dem Waggon saß, der in der DDR Halt machte. Dies entschied sich jedoch als bestimmend für sein späteres Leben.
Wir erfuhren auf sehr interessante und eingängliche Weise, wie bereits im Kindesalter den Schülern in der DDR ein Bild vom „feindlichen, kapitalistischen“ Westen, eingetrichtert wurde, um sie früh in das sozialistische System zu integrieren, z.B. durch ein Spiel, bei dem ein „westlicher Agent“ im Wald gefangen werden musste.
Anschließende schilderte Herr Herfurth erste persönliche Differenzen mit der geltenden Lehrmeinung im Osten. So verstand er als Schüler nicht, wieso die UdSSR einen Krieg gegen Finnland, der wie in DDR-Büchern dargestellt aus Sicherheitsgründen stattfand, führen sollte. Als er sein Unverständnis wiederholt kundtat, wurde sein Vater zu einem Gespräch mit dem Direktor einbestellt. Für Herrn Herfurth war dieses Ereignis damals unbedeutend, was er jedoch nicht wusste war, dass diese kleine Nicht-Konformität das Anlegen seiner Stasi-Akte zur Folge hatte.
Nach seiner Zeit bei der NVA, wurde ihm genau deshalb trotz sehr guten Abiturzeugnisses ein Studien- bzw. Ausbildungsplatz verweigert. Der Kurs war sehr entsetzt, dass eine solche Lappalie solch immense Auswirkungen zur Folge hatte. Daraufhin nahm Herr Herfurth einen Beruf in einer Druckerei an. Er schilderte daraufhin, dass ihn der Gedanke aufgrund der verwehrten Bildung für immer „dumm“ bleiben zu müssen sehr beschäftigte. Durch Kontakte zu ähnlich Betroffenen gelangte er allmählich in die sogenannte „Szene“, in welcher ein offener Austausch von Information und Wissen stattfand und massiv Systemkritik geübt wurde. Man konnte sich jedoch nie sicher sein, ob und wann Stasi-Spitzel anwesend waren. Da auf diesen Treffen einige Personen waren, die von der Stasi verfolgt wurden, wurde Herr Herfurth verhaftet und verhört. Schlussendlich wurde er zu 4 Jahren Haft im Zuchthaus verurteilt.
Anders als von den DDR-Verantwortlichen gewünscht, herrschte im Gefängnis, in dem auch Mörder eingesessen hatten, keine feindselige Stimmung, sondern man schloss sich zusammen und bildete eine Gemeinschaft. Nach 2 Jahren Haft wurde er durch die Bundesrepublik Deutschland für 44.000 DM erworben und anschließend in den Westen abgeschoben. Es hat uns besonders schockiert, dass einem Menschen ein bestimmter Geldwert zugewiesen wird, die Vorstellung Menschenleben zu „verkaufen“ war für uns sehr befremdlich, auch wenn dadurch natürlich die Befreiung aus dem Gefängnis und der DDR erwirkt wurde.
Herr Herfurths Besuch hat uns auf sehr eindringliche Weise aufgezeigt, wie Teile der Bevölkerung der DDR unter dem SED-Regime und der Stasi als Schild und Schwert der Partei gelitten hatten. Zeitzeugenberichte sind von großer Bedeutung für die Weitergabe von Informationen und Stimmungen aus vergangenen Zeiten, da diese viel direkter und persönlicher als aus anderen Quellen stattfindet. Nur wer etwas selbst erlebt hat, weiß auch wie es war und kann dementsprechend realistisch versuchen zumindest ansatzweise einen Teil dieser Erfahrungen teilen. Wir sind deshalb Herr Herfurth sehr dankbar für seinen Besuch und möchten an dieser Stelle auch Herr Bernhardt für die großartige Organisation danken.

Jonas und Fabian



DDR Zeitzeuge berichtet, wie er als ‚Politischer Häftling‘ für 44.000 DM von der BRD „freigekauft“ wurde!